SONNTAG IST SELBSTMORD #66

 

So verroht,
Und verrottet,
So verranzt
Und verspottet,
So verholzt
Und verbolzt
Und verbohrt.

Christiane Rösinger – Verloren

 

So geht das Leben dahin und plötzlich sitzt man in einem Flugzeug und betet und fleht, dass es nicht abstürzt, wobei es eigentlich abstürzen muss, so sehr, wie man es zuvor thematisiert hat. Das wäre ja auch ärgerlich, irgendwie: nicht recht gehabt zu haben.
Ist man dann tatsächlich angekommen, ist der Urlaub bereits wieder vorbei, ohne dass man es geschafft hätte, ein Buch zu lesen oder ein Herz zu erobern oder in irgendetwas besser zu werden als man es vorher war.

Gestern habe ich gelernt, wie man Luftballons aufpustet. Ich konnte das bislang noch weniger als die Uhr lesen oder sich anständig die Schuhe binden. Seit gestern kann ich es und das macht mir Mut: Was man noch Alles lernen kann, wenn man es sich nur in den Kopf setzt. Wenn man es versucht.
Vielleicht werde ich in vier Jahren (sofern man vorher nicht irgendwo abstürzt) tatsächlich etwas dazugelernt haben. Das wäre doch mal ein Ansatz – die Möglichkeit sehen und selbst die Voraussetzung hierfür schaffen.

Eine solche Einstellung will nicht ganz zum Sonntag passen. Vom Regen verschont lag etwas in der Luft, heute, als hätte der Himmel ein Geheimnis vor einem, als wüssten die Wolken längst Bescheid über – über Dies und Das und eigentlich will man es gar nicht so genau wissen.
Während man die regenfreien Stunden nutzt, um zur Eisdiele zu spazieren um dort zu merken, dass man kein Geld eingesteckt hat und das auch noch absichtlich, in der Angst, wieder all sein Geld auszugeben für Schnick oder Schnack, dabei haben sonntags doch eh die meisten Geschäfte geschlossen und so eine Kugel Eis – währenddessen jedenfalls könnte so viel passieren.

Ein Verrückter könnte umhergehen und um sich schießen, mehr oder weniger geliebte Popstars über den Jordan schippern. Irgendwas passiert immer und das meiste hinter meinem Rücken, denn mein Sichtfeld ist so verdammt eingeschränkt und dagegen gibt es nicht einmal was von Google. (Noch nicht.)
Alles erfährt man zeitversetzt, außer man ist unmittelbar dabei. Und selbst wenn man zwanghaft versucht, immer Alles mitzukriegen, verhindert man gleichzeitig selbst etwas zu erleben, also abseits des Mitkriegens.

Manchmal sehnt man sich nach ein bisschen Ruhe, nach einer Pause von dem Ganzen oder zumindest Halben, nach ein bisschen weniger Sichtfeld oder zumindest etwas mehr Meerblick.
Wenn man im Urlaub sein Handy ausschaltet oder ins Meer schleudert. Wenn man nicht ins Internetcafé rennt, um seine Mails zu checken. Gefahr läuft, scheinbar Wichtiges zu verpassen: Geburten, Todesfälle, Karrieresprünge. Anfragen von wichtigen Menschen. Wenn man einfach mal nicht erreichbar wäre.
Dann hat man es hoffentlich geschafft, in diesen Urlaub. Oder ist vorher abgestürzt.

Ich bin ganz optimistisch. Ich kann jetzt Luftballons aufpusten, gelernt innerhalb weniger Minuten. Zwischen Abschnallen und Aufknallen könnte ich intuitiv losflattern. Vielleicht braucht es ein bisschen Übung, möglich ist es bestimmt. Vermutlich hat sich das bislang nur keiner zugetraut: Fliegen.

 

31. Juli 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

SONNTAG IST SELBSTMORD #65

 

Protect me from what I want…
Protect me from what I want…
Protect me from what I want…
Protect me protect me

Placebo – Protect Me From What I Want

 

Über Sonntage schreiben hat in der Tat etwas Erschöpfendes. Beim 65. zu beschreibenden Sonntag kommt man nicht drumherum, sich zu wiederholen: Zum mittaglichen Erwachen schien die Sonne, fast so, als könnte es doch noch ein netter Tag werden mit Eis oder Bier an der Isar und man denkt sich: jetzt ist diese Woche vorüber, morgen beginnt eine neue und so ist das immer und irgendwann schläft man beim Tatort ein.
Nur kommt dann nicht mal Tatort, nicht mal Polizeiruf, nein, ein Finale wird ausgetragen, die Frauen welcher Nation sind am besten darin, ein rundes Leder in ein eckiges Tor zu befördern, man könnte fast meinen, das sei spannend.

Und somit ist doch jeder Sonntag ein bisschen anders, hält eine Überraschung bereit, Weltmeisterschaften werden sonntags ausgetragen, Telefone abgehört, Geburtstage gefeiert.
Stichwort ‘Geburtstage’: Können die mal aufhören? Beziehungsweise: Könnt ihr mal bitte Alle aufhören, ständig Geburtstag zu haben – geschweige denn zu feiern?
Wenn man bei Facebook so viele Freunde hat, dass jeden Tag mindestens zwei davon Geburtstag haben – was soll man da denn noch schreiben, außer: Alles Gute.
Alles Tolle. Wunderbare, was auch immer du dir wünschst. Mehr gibt es nicht zu sagen und das ist so ermüdend. Ich kann mich selbst nicht mehr hören. Ich gratuliere ab jetzt nicht mehr – tragt eure Geburtstage doch mit den Verwandten aus, ich bin raus.

An Geburtstagen sollte man auf Wiesen tollen und Purzelbäume schlagen. (Und nicht bei Facebook rumhängen.) In einem Wohnmobil durch Portugal fahren, mit den besten Freunden um einen herum. Nackt mit ihnen ins Meer springen und nie nie nie streiten wegen Kleinigkeiten – oder doch, wenn es nicht anders geht, weil man verrückt werden muss, mit vier anderen Gestalten in einem Wohnmobil über zwei Wochen, man sitzt sich quasi auf dem Schoß und obwohl man die ganze Zeit davonfährt, bleiben alle um einen herum da.

Es steht so viel bevor. Da würde es nun keinen Sinn machen, mit dem Flugzeug abzustürzen, nein, das schließe ich als Möglichkeit aus, und wenn, dann bitte auf dem Rückflug.
In Portugal scheint dann die Sonne, hier scheint sie nicht mehr, beim mittaglichen Erwachen vielleicht noch: hey, sagt die Sonne, heute ist Sonntag, heißt so wie ich, dieser Tag, kein Zufall, sag ich dir.
Und dann sagt sie noch: Verarscht. Und verschwindet hinter einer Wolke. Und jetzt ist der Himmel weiß, nicht mal grau, obwohl, doch, durch die seit Jahren nicht geputzten Fenster schon, aber in Wirklichkeit weiß, ganz weiß und man könnte sich darin verlieren, wäre einem irgendwie melancholisch zumute, aber nein, wir setzen das gleich um, in ein Gedicht oder eine Backform oder ein Gericht oder eine Kolumne.

Wir müssen sublimieren. Unsere Perversionen in Päckchen packen mit Schleife. Schau ja nicht dem Hund zu lange hinterher, Frauchen guckt schon so komisch. Aber wer kennt schon die eigenen Abgründe. Protect me from what I want.

Man müsste einfach mal machen, wonach einem der Sinn steht. Und dann findet man sich an der Spüle wieder, besteigt den Geschirrberg, dabei wollte man gerade noch vom Fensterbrett springen und nachschauen, ob man vielleicht doch fliegen kann. Ich glaube, diese Idee kam mir schon in der ersten Sonntagskolumne vor einiger Zeit. Alles wiederholt sich, in Variationen. Das ist das ganze Leben und wenn man Glück hat, geht es irgendwann vorbei. Irgendwann.

 

 

17. Juli 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

SONNTAG IST SELBSTMORD #64

 

She said it’s time I open my eyes
Don’t be afraid to open your eyes
Maybe she’s right
Maybe she’s right
Maybe she’s right
Maybe she’s right

Tori Amos – The Wrong Band

 

Oft beginnen Sonntage erst mittags, wenn man erwacht. In frühen Morgenstunden mit etwas Glück zu Hause angekommen, googelt man vorrätige Schmerzmittel – oha, ein Opioid, das verleiht einem Flügel. Aber die Risiken und Nebenwirkungen.
Wenn man es nicht mehr alleine nach Hause schafft, nach missglückten Versuchen, genau das zu verhindern: alleine nach Hause gehen zu müssen – hat man vielleicht einen Freund, der einen abholt und dahin bringt, nach Hause, es muss auch nicht das eigene sein, Hauptsache ein Bett und die Möglichkeit, ein wenig darin liegen zu bleiben, von verwunschenen Wäldern träumend und Alkohol ausdünstend.
Sonntage bieten sich dafür an, verpasst zu werden.

Da liegt doch eine wilde Zeit hinter einem: Auf dem Festival die Nächte durchtanzt und vom Regen erwischt Richtung Hamburg geflohen, da gab es einen Bauernhof, der triefnasse Parka behält nach Tagen noch eine gewisse Feuchtigkeit, das Leder der Schuhe ebenso. Wenn man morgens erwacht und die einzige Jacke und die einzigen vorhandenen Schuhe im Vorzelt ein Wettschwimmen veranstalten – wenn man genug verpasst und genug getanzt und genug experimentiert hat – dann flieht man gerne Richtung Idyll. (Um dort ganz bewusst alles Restliche zu verpassen.)
Es gab zwei Kaninchen, zwei Babykatzen, zwei Hühner und nicht zuletzt zwei Mitbewohnerinnen. Und es gab ein Bett, das so viele Körper auf sich ertrug, wie eben da waren und Schutz suchten vor der unerträglichen Nässe, vorm Durchhaltenmüssen und Weitermachenmüssen und Nichtaufhörendürfen mit dem Esfühltsichallessoschönan. Und Wirsindsoechtindiesemmoment.

Ich bin wieder zurück in München, einer Stadt, die mich vor einiger Zeit recht freundlich aufnahm und der ich bald den Rücken kehren werde, wenn auch nicht ganz, weil ganz geht gar nicht.
Auf dem Bauernhof habe ich die Stille zu schätzen gewusst, den Feldweg zur nächsten S-Bahn-Station. Den Weg in die Stadt, die groß war und auch irgendwie ruhiger als andere Städte dieser Größenordnung. Aber man brauchte da gar nicht immer hinfahren, in diese Stadt, manchmal wäre man vielleicht lieber bei den Feldern und den Wiesen geblieben. Auf dem Rückweg haben wir im Dunkeln diesen Blumenstrauß gepflückt, der schon am nächsten Morgen ganz unmöglich aussah. Später entdeckten wir die ganzen bunten Blumen, die uns in der Dunkelheit verborgen geblieben waren und die Nacktschnecken, die wir nichtsahnend überrollt haben müssen.

In München geht immer alles weiter. Die Uni, die Arbeit. Theater, Freunde. Neue Freunde und alte. Gute und manche, die man eigentlich aus den Augen verloren hatte.
Jetzt soll ich in aller Öffentlichkeit meinen Text vorlesen, gestern habe ich bereits geübt. Auf einer Leipziger Buchmesse ist das was anderes, da kennt man die Gesichter nicht. Nun kündigen sich welche an, die man sehr wohl kennt und ich überlege, ob es geschickter wäre, meine Eltern noch einmal ein- oder wieder auszuladen.
Da liest man eine Geschichte, seine Geschichte, Ich-Perspektive und Alle sehen einen an und man schlüpft in diese Rolle. Nur, ob man die dann wieder loswird, später.

Was ich mir vorgenommen habe: keine Angst mehr. Vor nichts. Wir probieren das jetzt einfach mal aus. Wir probieren das und wenn es gut wird, sind wir hinterher schlauer und wenn nicht, auch.
So geht das doch immer weiter. Man muss sich nur trauen. Sonst passiert nichts mehr.
Da draußen regnet es und ich würde gerne eine Spaziergang unternehmen, einfach, um etwas zu tun. Frische Luft und nachgedacht über Irgendwas. Irgendwie festhalten, wann man wo war und was erlebt hat mit wem. Man muss sich da vielleicht drauf verlassen, auf das Hirn oder Herz, das es behält, was einem wichtig war und zukünftig sein wird. Imaginierte Fotos, nur mit allen Sinnen.
Ich würde so gerne durch diesen Regen taumeln.

10. Juli 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

SONNTAG IST SELBSTMORD #63

 

I missed the last bus, I’ll take the next train
I try but you see, it’s hard to explain
I say the right things, but act the wrong way
I like it right here, but I cannot stay

The Strokes – Hard to Explain

 

Wenn man am gedeckten Tisch sitzt und ein Platz frei bleibt. Und alle versammelten Augenpaare auf den leeren Teller, den leeren Platz schielen. Anstoßen auf – auf den, der da fehlt. Dann ist man das oft selbst. Also einer davon – einer der anstoßt oder der, auf den angestoßen wird.

Letzterer ist jedenfalls nicht anwesend, obwohl die Anwesenheit geplant und erwünscht war. Weil man noch im Bett liegt und Schlaf nachzuholen hat, das Handy aus und plötzlich isst ein anderer das für einen selbst vorgemerkte Stück Tier, in einer Pfanne gebraten und der Holundersekt wird so aufgeteilt, das kein Einzelner im Bunde der Wartenden als Einziger zu lallen anfängt.

Manchmal ist man einfach nicht da, obwohl man sich angekündigt hatte. Auf dem Festival des deutschen Films sah ich gestern einen, genau, Film, in welchem Sandra Hüller die meiste Zeit mit Männern schläft, die entweder sehr behaart oder sehr fettleibig oder sehr alt sind – genau deshalb übrigens, dabei wartet zu Hause ein gutaussehendes Exemplar Mann und das Kind will noch ein Märchen vorgelesen bekommen und noch eins. Und sie experimentiert in einer eigens dafür angemieteten Wohnung mit Kolossen, wie es sich anfühlt, so einen riesigen Bauch anzuheben oder wenn sich so ein Koloss auf einen drauf setzt mit seinen 150 Kilo. Das ist natürlich auch recht spannend.

Nur das Publikum auf der Ludwigshafener Parkinsel fand es scheinbar nicht ganz so spannend, weil jede Einstellung eine halbe Ewigkeit zu dauern schien und man schon aufpassen und sich konzentrieren müsste, um mitzukriegen, dass da trotzdem einiges mitzukriegen war, in diesem recht langsam erzählenden Film namens Brownian Movement. Was er gut auszudrücken schafft, ist eine Sprachlosigkeit. Gegenüber dem eigenen Verhalten, das nicht immer logisch aufzuschlüsseln ist.
So was hätte am besten die Regisseurin erklären können oder Sandra Hüller, aber beide waren verhindert, dabei ist letztere sogar mit zwei Filmen auf dem Festival vertreten. Nur hat sie eben auch ein Kind, weshalb sie entschied, zu Hause zu bleiben. Und das ist dann okay.

Ein bisschen doof ist es, wenn man zusagt und dann trotzdem fehlt und alle warten. Und sich Sorgen machen weil man weiß ja nie – und so. Am Bahnhof stehen und einen abholen wollen und die Uhr tickt. Und irgendwo wacht der Erwartete auf und kann nichts mehr machen, weil er nicht Superman ist, der nur einmal irgendwie ganz schnell um diese Erdkugel fliegt und dann lebt Lois Lane wieder.

Vielleicht sollte man gar nichts mehr versprechen, gar nicht mehr zusagen, sondern einfach überraschend reinplatzen. Man ist ja nicht immer Hauptdarstellerin eines Films und wenn man halt fehlt, ist da zumindest ein Filmproduzent, der für einen zu sprechen versucht und mit der Familie ein Stück Fleisch isst, in der Pfanne gebraten. So hätte es Sandra Hüller natürlich auch machen können, mir wäre das lieber gewesen: Den Produzenten nach dem Kind schauen lassen und sich selbst den Fragen des Publikums stellen. Viel zu sagen hatte dieser Produzent nämlich nicht, er holte immer wieder weit aus, vergaß die eigentliche Frage, um am Ende zu erklären, dass Männer eigentlich nur Batman gut fänden.

In Brownian Movement gibt es eine Szene, in der die Hauptdarstellerin zu einem Elterngespräch rennt, Ehemann und Lehrerin des Sohnes sind bereits anwesend, nur sie hing noch in ihrem Geheimversteck mit einem herum, der ausgesprochen sonderbar und zudem auch noch nackt war.
Sie entschuldigt sich und ich glaube, dann ist es auch gut. Nicht das mit den sonderbaren nackten Menschen, sondern, dass man zu spät war. Manchmal reicht es, wenn man sich kurz entschuldigt.

Man darf ja froh sein, dass man sich für seine vorangegangene Abwesenheit entschuldigen kann – letzte Woche verwies ich am Beispiel von Gaddafi und Heidi Klum darauf, dass man nicht alles gleichzeitig machen kann – letztere muss sich beispielsweise entscheiden, ob sie gerade ein Kind kriegen oder eine Fernsehshow moderieren will – wobei sich bestimmt auch für ein gleichzeitiges Stattfinden dieser Zeitvertreibe ein Sender finden würde. Was ich meine: Manche sollten sich dafür entschuldigen, dass sie überhaupt da sind und einen belästigen. Oft sind die im Fernsehgerät und man kann weiterschalten – also sei froh, wenn deine Familie traurig um den Tisch sitzt, wenn du fehlst. Trotzdem auf dich anstößt, und nicht erleichtert auf deine Abwesenheit.

 

19. Juni 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

SONNTAG IST SELBSTMORD #62

 

I always wished that I could find
Someone as beautiful as you
But in the process I forgot
That I was special too

Madonna – X-Static Process


Diese Kolumne will ich dem Schwurbelschwanz widmen, der soeben, also vor gut ein bis drei Stunden, sein Ende fand, in einem Gewächshaus. Er war bunt und hatte die Flügel ausgebreitet, so ausgebreitet sogar, dass an den Enden jeweils beachtliche Stücke davon fehlten, weil er nur noch flatterteflatterteflatterte, raus wollte aus diesem irrlichternen Gewächshaus, das ihm eine Welt vorgaukeln wollte, von der er nun letztlich gehen musste. Ein Schwurbelschwanz ist bunt (ich erwähnte es) und ausgebreitet gut einige Zentimeter lang, vielleicht vier bis acht, mein Vater fand ihn und zeigte ihn mir, tot war er da schon, der Schwurbelschwanz und nun werde ich kurz einmal nachfragen, wie man dieses Wesen wirklich nennt. Moment. Einen Augenblick -

Schwalbenschwanz. Schwalbenschwanz, meine ich. Natürlich.

Wenn man sich vorstellt, dass er zuvor mal eine Raupe war, dick und grün – oder wäre er erst noch zur Raupe geworden? – die Natur steckt voller Geheimnisse und Abenteuer und abenteuerlichen Applikationen – der Schwurbel- oder Schwalbenschwanz beispielsweise verfügt über „lange Haare an den Vorderbeinen, die als Putzkämmchen dienen“ – sagt Wikipedia – wenn man sich jetzt mal vorstellt, wie oft im Leben er sich noch geputzt hätte mit seinen Kämmchen – die prachtvollen, farbenfrohen Flügel gekämmt – und was noch hätte aus ihm werden können. Mein Vater sagt, er sei erst Stunden zuvor geschlüpft.

Man hat ja viel vor im Leben. Auch Schwurbelschwänzchen haben Pläne – unser Toter des Tages beispielsweise, dem Gewächshaus meines Vaters zu entkommen. Man will ja immer was und manchmal ist was zu viel – wie bei unserem SCHWALBENfreundchen. Vielleicht hätte er noch eine ganze Schwalbe werden wollen oder eine halbe und wegfliegen – Richtung Portugal oder einmal um die ganze Welt – das wäre doch ein Ziel. Da wäre der Startpunkt quasi das Ziel. Man könnte sich fast einreden, man sei bereits einmal um die ganze Welt gegangen. Da wo ich jetzt sitze, bin ich doch vor gut vier Jahren losgegangen – pardauz! (veraltet, Ausdruck der Überraschung, insbesondere wenn jemand stürzt oder etwas runterfällt.)
Wenn man sich Dinge gut einreden kann, ist man sowieso im Vorteil.

Ich will auch raus, aus diesem Gewächshaus. Ich wollte raus aus dieser Stadt, jetzt sitze ich auf dem Dorf, gleichzeitig wäre ich aber auch gerne noch Hier und Dort und täte Dies und Das. Als ich heute Morgen aufstand, hatte ich Lust, Bäume auszureißen, einfach so, mit dem Hund raus und einfach mal ein paar Bäume ausgerissen, diverse Pferde gestohlen und nichtsahnende Kühe gemolken. Außerdem könnte man doch neben dem Schauspielstudium noch diese Magsiterarbeit schreiben. Vielleicht ein eigenes Kino eröffnen, eine eigene Unterhosenkollektion herausbringen, ein Porno-Imperium gründen (Arthauspornos, versteht sich), Romane will ich schreiben, einen Gedichtband, aber vorher muss ich mir noch welche ausdenken, siebzig fehlen, ein paar sind schon fertig, bis September muss dieses Stück fertig werden, meine One-Man-Show, war ja klar, ich alleine auf der Bühne in High-Heels und Perücke und dass ich nicht Germany’s next topmodel geworden bin, das wird mir noch bis zum Ende meiner Tage nachhängen.

Dann doch lieber manchmal runterfahren. Lieber manchmal klein anfangen. Dinge zu Ende bringen. Durchatmen. Und dann will man einschlafen und die Augen drehen sich so schnell, man möchte sie einmal im Kreis drehen können, um dem Gedankenstrom gerecht zu werden, der da durchs Hirn rast, und wären die Augäpfel Schmetterlingsflügel, man hätte sie schon zur Hälfte verloren, abgestumpft, zerrieben am Gewächshaus seiner Möglichkeiten.

Draußen auf der Regenrinne des Nachbarhauses sitzt eine Schwurbel und singt ein Lied, das von der Begrenztheit des gleichzeitigen Ausführens von Handlungen (es gibt da ein sehr unschönes neudeutsches Wort dafür) handelt. Dieses Lied klingt sehr traurig, ist es aber eigentlich nicht. Wie froh können wir sein, dass Gaddafi nicht gleichzeitig sein Volk beschießen und im Fernsehen Schlager singen kann – das wäre ja noch schöner. Wie gut, dass Heidi Klum ab und zu schwanger wird und sich ein paar Tage vor und nach der Geburt nicht vor irgendwelchen Kameras zeigt, nur weil sie die Möglichkeit dazu hätte. Wie beruhigend, dass man einfach mal zehn Tage zu seinen Eltern fahren kann, von dort aus sogar die Geschäfte weiterführen, Kolumnen ins All schießen, Telefonate führen, Freundschaften aufleben lassen, und ganz ganz ganz ganz viel wollen kann, in diesem Augenblick und das sogar genießen, dieses Wollen und Nichtallesgleichzeitigkönnen, aber das Wollen ist wichtig, ohne das Wollen könnten wir nicht so gut können.

Ich fühle mich schwurbel, und irgendwie fühlt sich das gut an.

12. Juni 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

SONNTAG IST SELBSTMORD #61

 

Woke up at dawn, face down on the lawn
Head awash with what had been
Rest cheek to cheek, fingers underneath
Soft impressions of your teeth

Parenthical Girls – Love Connection

 

Manchmal passiert das: Aufwachen unter freiem Himmel und die Sonne drückt einen nach unten, dass man gar nicht anders kann, als liegen zu bleiben. Weiß, dass man aufstehen muss, dem Sonnenstich entfliehen, aber ein paar Stunden Schlaf am Flussufer, halb Wiese, halb Kiesel, macht ungelenk. Der Rücken hat sich dem Boden angepasst und dann rafft man sich doch irgendwie auf, irgendwie und überlegt, ob man nicht einfach noch mal kurz in diesen Fluss springen sollte, wobei man hinterher wieder einschlafen würde, beim Trocknen, so wie ein paar Stunden zuvor. Gut, dass man nicht alleine ist.

Manchmal schläft man dann eben bis achtzehn Uhr, wenn man mittags nach Hause kommt. Das Frühstück ist eigentlich das Abendessen. Wochenend-Jetlag. Sonntag, fast Montag – hiermit, auf die Sekunde, soll es Montag sein, aber manchmal kann man das gar nicht so genau sagen.

Der Mensch ist ja dankbar, für diesen anerzogenen Rhythmus. Gut, man macht Ausnahmen, aber eigentlich ist das ganz klar: dass man morgens aufsteht und nicht abends, wann man isst, wie oft am Tag und einmal davon warm, mindestens. Wie oft in der Woche Sport. Wann man den Fernseher einschaltet und wann wieder aus. Die Oma anruft oder die Eltern.

Wenn man jetzt einfach mal alle Uhren abstellen würde. Eigenständig feststellt, wann man müde wird und schlafen geht und ob es dann schon hell ist oder noch nicht. Wann man Hunger hat und im Wald ein Tier erlegen sollte oder eine streunende Katze auf der Straße vom Fenster aus.
Wieso denn immer Grundsätze und Pläne. Wieso sich abhängig machen von einer Uhrzeit, einer Tageszeit, einem Fernsehgerät.

Viellicht würde man den Faden verlieren. Den Überblick, den Kopf, wie dieser Hahn letzte Woche. Vergessen, was einem wichtig ist und wieso man gewisse Ziele verfolgt hat.
Oder: man überprüft diese Ziele auf ihre Priorität – wenn ich die Bewerbung aus eigener Motivation nicht abschicke, werde ich den Platz eben nicht bekommen – dafür weiß ich aber, wer bei Germany’s next topmodel ins Finale kommt.

Es erscheint mir unmöglich, keine Pläne zu schmieden, auch Impulse haben irgendwo ihren Ursprung. Vielleich ist die Vorlaufzeit entscheidend: man muss nicht Tage zuvor planen, was man wann isst. Man kann die Tütensuppe zubereiten oder die Katze auftauen oder – man folgt einer Lust, seinem Appetit. Aber egal wann ich aufwache, ob morgens mittags abends – irgendwelche Anliegen habe ich doch immer, und selbst wenn es ist: Ich bleibe den restlichen Tag liegen – dann nehme ich mir das doch in diesem Moment vor.

Wenn ich dem Radio im Badezimmer richtig zugehört habe, warnte der Papst gerade in Kroatien davor, immer nur seiner Lust zu folgen. So ungefähr. Ich finde, das sollte man unbedingt. Nicht „immer nur“, aber bevor man lustlos oder unmotiviert eine Familie gründet, sollte man doch lieber voller Leidenschaft von einer Aussichtsplattform springen oder in eine Katze beißen – warum wollte man das Alf dem Außerirdischen nicht gönnen? Es war doch sowieso nur eine Filmkatze!

Außerirdisch fühlt man sich, wenn man gegen Mittag an einem Flussufer erwacht. Um einen schnuppernde Hunde, strenge Frauchen, Eltern mit Kindern, manche motiviert. Überall Jogger und wenn man „schneller“ ruft antworten sie mit einem ausgestreckten Mittelfinger. Außerirdisch, weil man nach ein paar Stunden Schlaf meinen könnte, der eigene Tag ginge nach einem kurzen Nickerchen weiter und hätte knapp vierzig Stunden, während bei Anderen alles nach Plan verläuft. Und das wäre okay, solange man auf seinen Körper hört, der einem schon sagen wird, wann er nicht mehr kann. Außerirdische, gestrandet am Flussufer und manchmal haben sie sogar etwas an.

Irgendwann wankt man nach Hause, schläft bis achtzehn Uhr und verpasst den Tag. Im Gegensatz zu diesen Hunden und Frauchen und Joggern, die bereits die ganze Nacht verpasst haben.

 

06. Juni 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

SONNTAG IST SELBSTMORD #60

 

And we all are invited
To their big bingo show
And we dance to their music
From all to well-known
And we raise up our hands
And we take this for real
But we should not agree to their predicted deal
NO!

Gustav – We shall overcome

 

An Sonntagen schläft man bis zwölf Uhr mittags, dafür aber nur wenige Stunden. Erwacht mit Kopfschmerz, weil man Samstag auf Sonntag zu viel getrunken hat, den Überblick verloren. Wann man wo war mit wem und was in sich hinein geschüttet hat. Als wäre es der Rede wert.

Sonntag bleibt man drinnen und liegt herum, höchstens einmal um den Block und kurz in fremden Hinterhöfen gesonnt, dann aber schnell wieder nach Hause, stundenlang nachdenken rumliegen Liebesbriefe schreiben und dann schaut man in den Spiegel und hat keinen Kopf.

So wie Mike. Dieser Hahn in diesem Amerika, der eines Tages im Jahre 1945 seinen Kopf verlor. Sollte Suppe werden, wollte aber nicht, lief ohne Kopf weiter, immer weiter, weiter, knapp zwei Jahre lief er herum, starb letztlich als Star. Wurde berühmt, nur weil einer seinen Hals so weit oben durchtrennte, dass er noch hören und denken konnte, er versuchte sogar nach Körnern zu picken, doch die bekam er nun durch eine Pinzette, von dem Menschen, der ihn zu Suppe machen wollte. Sein Kopf wurde derweil von einer herumlungernden Katze als Spielzeug und anschließende Mahlzeit entdeckt.

Diese Geschichte schrieb mir ein guter Freund auf, der sich dieser Tage von seinem Krankenbett aus wünschte, ohne Kopf weiterzumachen, weil ebendieser ihm üble Schmerzen bereitete. Er erzählte mir die Geschichte von Mike, in all ihren schönen, erfundenen Details: „Von den schiefen Wänden des kleinen Hauses kann man die Farbe in langen, brüchigen Streifen abziehen“, schmückte er aus, dass man vor Rührung weinen und meinen könnte, selbst Mike, der kopflose Hahn, sei seiner Fantasie entsprungen. Mike steht im Guiness Buch der Rekorde.

Ich schrieb ihm zurück, dass ich nicht ganz wüsste, wo ich sein abgetrenntes Haupt unterbringen sollte, einen Schrein zu zimmern nicht fähig wäre und sowieso, es möge ihm zwar in seiner momentanen Lage einfacher erscheinen, sein weiteres Leben kopflos zu bestreiten, trotz unserer großen räumlichen Distanz wage ich jedoch zu urteilen, dass auch ein mehr oder weniger intakter Kopf seine Vorteile haben könnte.

Aber eigentlich finde ich die Idee richtig gut: Samstag auf Sonntag schütten wir uns das Bier direkt in entsprechende Röhre, verschlucken uns (wie Mike, das war übrigens der Grund seines Ablebens) hie und da mal, wachen jedoch Sonntagmittag ohne Kopfschmerz auf, welch Wunder, ohne Kater und sollte aus unerfindlichen Gründen doch mal einer über unsere Bettdecke streunen, hauen wir ihm mit einem bereitliegenden Beil seinen Katerkopf ab, auf dass er gegen Wände läuft, bis Gott ihn zu sich holt.

Den Kopf verlieren, oder den Überblick. Was wichtig ist, was nicht. Wo man hin will und wie weit das noch weg ist. Man träumt sich an ferne Strände, in verbotene Gärten, sieht sich selbst von oben, beim Bauchtanz oder Ziegenmelken. Und findet sich dann doch nur an dieser Bushaltestelle wieder, wo man auf irgendwas wartet, aber nicht weiß worauf, auf einen Bus vielleicht oder eine Explosion, oder beides nacheinander, sitzt an dieser Haltestelle, weil man ganz vergessen hat, auszusteigen. Oder man findet sich in diesem Bus wieder, der irgendwo hinfährt, aber wohin, nicht anhält, erst wieder in einer Stunde. Explodiert. Oder eben gerade nicht explodiert. Da sitzen wir, in diesem Bus und haben ganz vergessen, einzusteigen. Verstehst du?

Stehst vor dem Spiegel und willst dir die Zähne putzen, weil man das so macht, weil das gut ist, sagt Mamaundpapa.
Mamaundpapa hat das auch immer so gemacht. Man zückt diese Bürste, diese Creme, setzt an, aber da ist gar kein Kopf, da ist nichts, nur dieser Hals und diese Röhren und zum Glück das Blutgerinsel, welches unser Blut am Herrausströmen hinderte. Nie wieder Zähne putzen müssen, nie wieder Bad Hair Day, nie wieder erwischt werden beim heimlichen Augenverdrehen.

Irgendwann ist dieser Mike zu einer Art Idol geworden. Und denen sollte man prinzipiell den Kopf abschlagen. Man kann also sagen, er war seiner Zeit voraus.

 

 

 

 

29. Mai 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

SONNTAG IST SELBSTMORD #59

 

Ich bemerke, dass ich selbst auch Spuren hinterlasse,
jeden Tag, zum Beispiel mit der Kaffeetasse.

Kleine Ringe auf dem Tisch
- und dann die Löcher im Teppich.

Die Sterne – Das bisschen besser

 

- Um hier direkt an die vorangegangene Kolumne anzuschließen. Wir erinnern uns: Hunde hinterlassen Häufchen, Männer schwangere Frauen, die wiederum drogenabhängige Kinder – undsoweiter.

Manche hinterlassen Kunst. Wenn die besonders gut ist oder besonders schlecht, die Leute besonders berührt, aufwühlt, zum Weinen oder Rumschreien bringt, dann wird sie auch meist ausgestellt. Manche sammeln Kunstwerke, als seien sie Figuren aus Überraschungseiern. Zum Beispiel Herr und Frau Brandhorst, die ihrer Sammlung seit einer Weile mit diesem bunten Museum am Rande der Münchner Pinakotheken einen angemessenen Rahmen geschaffen haben, da gibt es ausreichend Auslauf und Luft zum Ein- und Ausatmen für diese Dinger, außerdem können die anderen Leutchen dann auch Gucken kommen. Sonntags für nur einen Euro, das wäre doch ein Argument: Ins Museum statt sich von der Brücke stürzen – obwohl letzteres sogar noch kostengünstiger wäre.

Ich saß da also vor diesen Cy-Twombly-Bildern, man erinnert sich vor allem an diese riesigen schrecklichen Rosen. Und dass diese Serie aus dem ersten Raum ein Krieg sein soll, lange her und ganz schön bunt, das merkt nur der aufmerksame Zeitgenosse. Ich habe Cy Twombly heute eine Chance gegeben. Bislang bin ich immer nur mal eben durchgeschlendert, diesmal hab ich mich hingesetzt, auf diese Bank und geschaut. Man kann das auch schön finden: Wölkchen, Kritzel. Farben, die nach unten fließen. Wir könnten die Bilder einmal andersherum aufhängen oder uns auf den Kopf stellen, dann flösse die Farbe nach oben oder wir wären Akrobat.

Eine Farbanalyse sollte ich vornehmen, das war der Auftrag und ich schob die Durchführung möglichst weit auf. Es gibt kaum Worte, um Farben zu beschreiben, steht es auf einer Postkarte, die hier an meiner Wand hängt. Pink-orange. Beige auf Anthrazit. Letztendlich Rot Gelb Blau.
In einem anderen Stockwerk gab es eine Sonderausstellung mit Cy Twomblys Fotografien. Unscharfe Tulpen, Pinsel, Bäume. Ich machte mir möglichst poetische Notizen und landete nach drei Stunden wieder in diesem Raum, wo es nur Ledersessel gibt und ein großes Fenster nach draußen, wo die echten Menschen Frisbee spielen, Schatten und Sonne sich um die Helligkeit der grünen Wiese streiten.

Manche Künstler meinen, ihre Kunst könnte alles Andere für sich einnehmen. Dabei ist das doch eine Wechselwirkung: Ich kann Bilder dicht an dich hängen oder jedem Werk einen eigenen, leeren Raum geben. Jonathan Meese enttäuschte mich in der letzten Woche folgendermaßen: Er meint, er könne auf Werbeplakaten Kunst machen, dabei ist und bleibt er Werbeträger für die Bild-Zeitung. Seinen Spruch, der in roten Lettern auf dem Plakat prangt, habe ich natürlich sofort wieder vergessen. Da stand jedenfalls nicht: „Bild ist ein faschistoides Scheißblatt“ oder „Wer Bild liest, näht auch Menschen aneinander“.

Mir kam dann folgender Gedanke: Könnte man nicht alle Prominenten, die bereits ihre frisch polierte Fresse an die Bild-Zeitung verschenkt (offizielle Version) haben, aneinander nähen, so als Human Centipede? (Wir erinnern uns…) Alice Schwarzer kommt ganz nach vorne, als Frau in Führungsposition, weil sie nicht nur bereits vor einigen Jahren ihr Gesicht für eine Bild-Kampagne hergegeben hat, sondern sogar als Seite-2-Mädchen einseitig vom Kachelmann-Prozess berichtete.
Die Kaulitze und Connors und Kerners und meinetwegen auch die Lindenbergs würden sicher nicht ablehnen, wenn alles für den guten Zweck ist und großspurig darüber berichtet wird.
Das wäre dann doch auch wieder Kunst. Eine große Performance. Wetten, dass. Thomas Gottschalk moderiert ein letztes Mal und der Human Centipede versucht, über fahrende Autos zu springen.

Ich bin gerade noch mal meine Notizen zu Cy Twombly durchgegangen. Da steht: Was glotzt du mich so an, Scheißblume. Ich werde das nun an meine Dozenten schicken, die versuchen, mir kreatives Schreiben beizubringen. Notfalls berufe ich mich auf meine künstlerische Freiheit. Wenn das alles Kunst ist, bin ich es auch.

 

 

08. Mai 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

SONNTAG IST SELBSTMORD #58


The world is holy! The soul is holy!
The skin is holy! The nose is holy!
The tongue and cock and hand and asshole
Holy!

Patti Smith - Spell

 

Die einen werden selig gesprochen, Andere in die Luft gejagt. Sonntag. Drinnen bleiben oder rausgehen. Den Kater kraulen oder mit Alka-Seltzer bekämpfen. Papst Johannes Paul II. bleibt vorerst drinnen, wurde noch mal aus dem Archiv gekramt und ist nun, wohlgemerkt in einer Kiste, bis auf weiteres öffentlich zu bestaunen. Einer von Gaddafis Söhnen wurde nach draußen gebeten, von einer riesigen Granate, man munkelt, er befände sich nun im Jenseits, das aber auch nur vielleicht. Was da jetzt besser sein soll, drinnen bleiben in einer Kiste, oder direkt mal in die Luft gehen – das sind Fragen, zu deren Erörterung sich doch gerade Sonntage anbieten.

Das schlimme an diesen Selig- bzw. Heiligsprechungen ist doch vor allem, dass der Gemeinte nichts davon mitbekommt. Genau davon geht man zwar aus, dass derjenige oben auf einer Wolke sitzt, das Blut Christi aus dem heiligen Gral schlürft, meinetwegen auch die ein oder andere Jungfrau besteigt – mit Sicherheit kann das aber keiner sagen.

Genugtuung ist etwas sehr empfehlenswertes, ein äußerst günstiges und reizvolles Gefühl, dass man einander gönnen sollte. Man möchte das keinem vorenthalten. Was nützt es Angela Merkel, wenn soundsoviel Jahre nach ihrem Ableben eine Straße im Dinkelsbühler Neubaugebiet nach ihr benannt wird. Man müsste sich für eine zeitnahe Würdigung erbrachter Leistungen einsetzen, von diesen ganzen Preisen und Orden mal abgesehen. Alternativ könnte man auch über eine zeitnahe Bestrafung für nicht erbrachte oder schlechte Leistungen eintreten. Man muss ja nicht immer alle erst abwählen, man könnte auch einfach mal jemanden aufhängen. Oder wenigstens öffentlich mit Sachen bewerfen.

Und wieso darf es nun eigentlich in Karlsruhe eine dm-Arena geben, aber keinen Winfried-Kretschmann-Park? Oder in Köln eine Lena-Meyer-Landruth-Allee?

Weil man die Alle ganz bald wieder vergessen hat. Die eine vielleicht schneller als den anderen. Deshalb hat man sich überlegt, einfach mal ein bisschen zu warten, was da bleibt vom Einzelnen. Ob die momentan gefühlte Relevanz anhält. Vorschnelles Handeln sei mit Vorsicht zu genießen, aus dem sympathisch wirkenden Wettermann, der für Joghhurt wirbt, wird oftmals ein grausamer Aufspießer-und-anschließend-Aufesser. Voll pervers.

Oder die Kanzlerin. Vorschusslorbeeren können sich als giftig erweisen, könnte man meinen und möchte alle anfänglich gebrachten Ständchen wieder zurücknehmen und sie für ihre Frisur vor zehn Jahren beschimpfen – das haben wir doch schon mal besser gewusst. Also auch das mit der Atomkraft.

Nicht jeder kann Parkinson heilen. Und nicht jeder traut sich zu behaupten, einfach mal so von Parkinson geheilt worden zu sein, aber nicht zufällig, sondern vom Papst höchstpersönlich. Da stellt sich auch die Frage, wie wichtig man sich selbst nimmt. Und dann die Frage, was man überhaupt hinterlassen will außer seinen Überresten in einer Holzkiste, ob sie nun öffentlich zur Schau gestellt wird oder nicht. Könnte ich Parkinson heilen, würde ich es tun, sofern mir Zeit neben meinem Studium bliebe. Die Leute müssten dann halt zu mir kommen, denn irgendwann ist auch mal Schluss, irgendwann muss man an sich denken. Nur weil ich rein theoretisch Papst werden könnte, muss ich ja nicht gleich im Zölibat leben.

Hinterlassen will jeder was. Viele Hunde hinterlassen tagtäglich Häufchen auf Gehwegen. Viele Schnecken hinterlassen Schleimspuren auf Terrassen. Viele Autos und Schornsteine verpesten die Luft. Viele Geistliche hinterlassen Missbrauchsopfer. Raketen hinterlassen Trümmer. Viele Männer hinterlassen schwangere Frauen. Und die dann wieder drogenabhängige Kinder. Und irgendwann fliegt das alles in die Luft.

Gestern erfuhr ich von einem Film mit Namen The Human Centipede. Zwei junge Frauen erleiden nachts im Wald eine Autopanne und haben überraschenderweise auch keinen Handyempfang. Wir befinden uns übrigens in Deutschland, denn hier ist der Wahnsinn zu Hause. Sie suchen nämlich Zuflucht im Hause eines gewissen Dr. Heiter, was ihnen weniger heitere Folgen bescheren soll. Dieser ist vernarrt in die Idee, einen menschlichen Hundertfüßler zu erschaffen, indem er entsprechend viele Menschen in After-zu-Mund-Manier aneinander näht. Sieht super aus, doof aber, dass er es bis zum Ende des Films nur zu einem menschlichen Sechsfüßler bringt..

Was ich damit meine, ist nicht, dass uns da einer gefährlich werden könnte, der uns zusammenflicken will und zufällig einflussreich ist und eigentlich bald schon eine Halle nach ihm benannt werden sollte – nein, ich meine: will man so was hinterlassen.

Dieter Laser, ein bekanntes deutsches Film-, Fernseh- und Theatergesicht, spielt gewissen Dr. Heiter und gewann auf Genrefestivals sogar Preise damit. Aber wäre es nicht ehrenhafter gewesen, in Wien an der Burg zu bleiben, noch ein paar Mal den Faust zu geben und sich dann irgendwann in diese Kiste zu legen? Ich weiß nicht, ob ich so in Erinnerung bleiben wollte. Vermutlich würde ich eher ins textilfreie Genre wechseln, als aus Angst vor mir selbst nicht mehr schlafen zu können.

 

 

01. Mai 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

SONNTAG IST SELBSTMORD #57


When we are dead
We all have wings
We won’t need legs
To stand


Sufjan Stevens – We Won’t Need Legs to Stand


Dann kommt der Anruf: Ja. Und Ja bedeutet dann vor allem: Ja. Und man kann es fast nicht glauben, dabei war man sich so sicher.
Später dann dieses Eichhörnchen, hängt an der gegenüberliegenden Hauswand, davor lauert eine Krähe. Ich frage mich, was eine Krähe mit einem Eichhörnchen anfangen will. Verscheuche sie. Das Eichhörnchen knallt auf ein Wellblechdach. Als ich es später im Hauseingang treffe, ist es sichtlich nervös. Ich hole die Post rein und habe es nun schriftlich.

Man tut immer so, als müsste man gerettet werden. Dabei wissen wir das doch schon. Dass man für eine Rettung bzw. als Retter nur selbst in Frage kommt. Und deshalb funktioniert diese Rettung erst, wenn man das kapiert hat: Dass man nicht mehr zu retten ist. Nicht mehr gerettet werden kann. Und dann klappt es, unerwartet.

Ich werde die Stadt verlassen. Die neue Stadt ist kleiner, dafür scheint immer die Sonne. Ich kann jetzt sechs Monate tun und lassen, was ich will. Mich nur noch für Dinge entscheiden, die mich interessieren. Ich nehme mir vor, eine Reise zu unternehmen und befürchte gleich, frühzeitig zu verunglücken. Kurz vor der anstehenden Erfüllung von Lebenstraum eins die vorgezogene Erfüllung von Lebenstraum zwei: Ich reise nach New York City. Und stürze auf dem Hinflug ab.

Im Briefkasten die Zusage, förmlich, ich muss sie nur noch bestätigen. Eine Postkarte aus Venedig, auf der Rückseite eine Abenteuergeschichte, sie handelt von mir und meinen Freunden. Und dem Abenteuer, einem der Abenteuer, von denen wir bestimmt oder hoffentlich noch viele erleben werden.

Auf dem Weg zu meinen Eltern machen wir einen Abstecher. Eine Pause. Lag auf dem Weg. Verschlingen im Schatten der Akademie frittiertes Eis, Vanille, wie geht denn sowas. Hier soll ich die nächsten Jahre verbringen. In der Sonne. Ob im Oktober auch noch die Sonne scheint.

Ostern und natürlich suchen wir gefärbte Eier und Schokohasen. Sitzen im Kreis. Immer noch Sonne. Freunde, Familie. Wenn das jetzt einfach alles so weitergeht. Wie kann man denn so viel Lust auf einmal haben: Auf das Leben, das da ist und nur noch gelebt werden will. Und diese ganzen Orte und Menschen und Möglichkeiten. Und warum geht das nicht alles gleichzeitig. Und dann fällt mir ein, dass Ja auch immer Nein bedeutet.

Liege an der Isar und weiß, dass ich da bald nicht mehr liegen werde. Ich muss es nur noch schriftlich bestätigen. Da will man was viele Jahre, es klappt und man vergisst, den Brief abzuschicken. Der Platz wird an einen Nachrückenden vergeben. Nur weil man sich nicht entschließen konnte. Ups, Frist verpasst. Liegen gelassen. So ist das doch immer.

Wie kann man denn so viel gleichzeitig wollen. Als hätte ich nur noch ganz wenig Zeit, weil dieses Flugzeug abstürzen wird. Oder einfach, weil ich das Feld räumen muss, um ein neues zu erobern. Als müsste ich noch etwas hinterlassen.
Die Überlegung, eine eigene Wohnung zu beziehen. Nur ich, der Schimpanse und der Eisbär. Wie wäre das. Dasitzen und verrückt werden, so macht man das doch.

Ich zähle meine Finger und Zehen, komme zum alten Ergebnis. Alle noch da. Ich zähle mich. Alle noch da. Zähle meine noch nicht erfüllten Wünsche: Einer weniger.
Ich muss es nur noch schriftlich bestätigen. Hingehen. Machen.
Noch ist alles Erwartung. Noch ist alles nur ein Anruf, ein Brief. Und das kann manchmal schon Alles bedeuten.



Ausgehend vom Grundton dieser Kolumne entsteht gerade eine Art Gedankenaustausch-Blog, das Fragen stellt und nach Antworten giert. Diese können Zitate sein, Kritzeleien, Skizzen, Gedichte, Wortaneinanderreihungen, Hunde, eigentlich Alles. Im Idealfall stellt die Antwort eine weitere Frage. Einreichungen gehen bitte an kontakt@stefan-hornbach.de – oder direkt über tumblr, wo die Idee ihre Heimatadresse hat: Wir Alle für immer verloren.

29. April 2011 von Stef
Kategorien: sonntag |

← Ältere Artikel

Neuere Artikel →