SONNTAG IST SELBSTMORD #71
“Are you OK?
You’ve been shot in the head
And I’m holding your brains”
The old woman said
So I drink in the shadows
Of an evening sky
See nothing at all
David Bowie – Seven Years in Tibet
Jetzt, wo man hiergeblieben ist, zu Hause, wenn man das schon so nennen will, zieht es einen wieder in die Ferne, nach draußen, ein paar Stunden oder zumindest Schritte weg von hier, wo es den ganzen Sonntag so warm war und gemütlich und was hätten wir da wieder alles zu erledigen gehabt. Erledigt war man selbst von der Woche, wobei, der Muskelkater ließ nach und der Fahrradsturz fast voll auf die Fresse zog auch keine größeren Kreise als die aufgeschürften am Unterarm. Kreise zieht man von Kleinstadt nach Großstadt und wieder zurück und nachts diese Träume und am Wochenende dauern die Nächte bis mittags, bis nach mittags, Rollladen gegen Sonne, Rollladen gewinnt, um 14 Uhr wird es hell.
Die Fotos sind nun entwickelt, auch der Film, den ich in München fand, auf dem stand: „Entwickle mich“ und ich überlegte noch kurz, ob ich ihn wirklich mitnehmen sollte. Fotos von München, der Isar, dem Olympiapark, Orte, an denen ich meine sonnigen Nachmittage verbrachte in scheinbarer Schwerelosigkeit, bis man wieder aufstand und irgendwohin musste, irgendwas zu tun hatte von dem man dachte, es könnte etwas bedeuten. Fotos von einem Treppenhaus, Licht fällt durchs Fenster aufs dunkle Parkett. Ein Zimmer, erstes Foto, nicht viel zu erkennen.
Wer bist du, Fotomensch? Dass du einfach deine vollgeknipsten Filme rumliegen lässt und ich investiere, um sie sehen zu können und mir gegebenenfalls an die Wand zu hängen, weil sie wirken wie ein Abschiedsgeschenk aus München. Von München, für mich. Danke.
Meine selbstgeschossenen Fotos sind größtenteils unscharf geworden oder zu hell. Ich probiere so rum. Silvester und wie wir auf dem Balkon standen mit unseren Wunderkerzen, vielleicht auf Wunder warteten, uns wunderten, am nächsten Morgen oder Nachmittag, dass da keins neben uns im Bett lag, dem man Frühstück bringen konnte.
Gestern dann diese unsägliche Party und das Gefühl, die tanzenden Menschen hätten einander verdient. Noch ein Glas und dann schnell nach Hause, bevor noch Wunder geschehen konnten. Schnell noch ein Glas und geflüchtet in einen Nachtbus, wie kurios es ist, mit einem Nachtbus in eine Kleinstadt zu fahren aus einer Stadt, in der es keine Wunder gab, zumindest nicht letzte Nacht und das war auch völlig in Ordnung.
Die Überlegung, zu fliehen, am Wochenende. Zu verhindern, was eh nicht passieren würde. Die leise Ahnung, dass es sein musste.
Beim Blick aus dem Fenster der weiße Himmel. Himmel, warum bist du am Sonntag immer so weiß. Weiß der Himmel nicht oder sagt es nicht, weil man ihm zu egal ist, als dass er sich in ein Gespräch verwickeln lassen würde. Verwickle mich. Sag doch mal, Himmel. Keine Antwort. Ich lasse die Rollläden runter.
Keine Alpträume von The Shining, den man abends zuvor in der Gruppe angeschaut hatte. Die alte Frau in der Badewanne. Die schrecklichen Zwillinge. Der Wunsch, Schauspieler zu werden oder vielleicht besser nicht.
Im Traum verschob sich der Boden aufgrund diverser unterirdischer Bohrungen. Alles verschob sich nach schräg oben oder unten, quer durcheinander, nun musste man ständig Klippen erklimmen und anschließend wieder runterrutschen, rauf und runter, nur, um irgendwo anzukommen, dabei wusste man gar nicht, wohin man wollte oder sollte. Und dann stehst da plötzlich du und tust so, als hättest du mich nicht gesehen.
Ich habe mir wieder einen dieser Zettel geschrieben, beim späten Frühstück, was man zu tun hätte, zu erledigen, den Tag über. Drei von sieben Punkten erledigt. Ich werfe ihn in den Papierkorb.
Dann überlege ich, was wichtiger wäre, als die übrigen Punkte abzuarbeiten, aber alles andere wäre so weit weg, zu weit und am Ende bereite ich mich doch noch auf den Unterricht vor und lese Miss Sara Sampson, zum zweiten Mal und schlafe darüber ein. Manchmal bin ich froh, dass ein Tag bald vorüber ist, obwohl oder gerade weil ich ihn bis hierhin mochte.
SONNTAG IST SELBSTMORD #70
Why’d I arm the bombs?
Wide eyes and holes
Someday I’ll pull my teeth out
Phantogram – Bloody Palms
Dann war es schon wieder dunkel, plötzlich. Dabei hatte der Tag gerade erst begonnen, das Jahr, das neue, gerade fing es an und nun. Der Himmel ist weiß am ersten Januartag, das war er immer schon.
Der Himmel ist weiß den ganzen kurzen Tag bis er wieder schwarz wird oder fast schwarz, die Lichter, die Laternen auf den Straßen und heute Nacht flogen Raketen in die Luft.
Vom Balkon aus Wunderkerzen haltend blickte man hinab auf die Straße hinauf in den Himmel und ich stellte mir vor, es sei heller Tag. Versuchte, irgendwas festzuhalten mit dieser Kamera, deshalb wollte ich doch überhaupt wieder eine Kamera, damit nicht alles so davonrast oder vorbeifließt, unbemerkt verschwindet, bevor man es sich einprägen konnte.
Gestern war ich traurig. Ich mochte dieses letzte Jahr und wollte gerne, dass es da bleibt. Dass es weitergeht, so oder so ähnlich, aber das ist Quatsch. Am Ende muss man alles hergeben, mitlaufen muss man, mitnehmen kann man nur so viel man tragen kann. Manchmal möchte man sitzenbleiben, sich an Schienen ketten, damit das Leben einen nicht überfährt, aber das Leben hat nun mal keine Bremsen und wäre das Leben ein Zug, müsste man dann nicht eigentlich drinsitzen und rausschauen? (Siehste.)
Ich habe mir etwas vorgenommen. Ich habe mir viel vorgenommen. Ich habe gute Vorsätze.
Die sind auch leicht dahergedacht, es gibt ja auch genug zu tun. Man, und damit meine ich mich und alle, die sich anschließen können, ohne sich bevormundet zu fühlen, darf auch manchmal stolz sein auf sich. Man muss ja nicht Alles anders machen. Man kann sich ja auch nicht einfach mal so umkrempeln, nur weil ein neues Jahr beginnt und man sich eigentlich gar nicht mehr leiden mag, nicht mehr ertragen kann.
Man, und damit meine ich irgendwen, vor allem aber mich, darf ja auch Pläne schmieden. Ich habe keine Liste geschrieben, Punkte aufgezählt, die zu erfüllen sind. Ich habe nicht gesagt: Du musst besser werden. Ich habe nur nachgehorcht, in welche Richtung es mit mir ging in der letzten Zeit und wie es von hier aus weitergehen könnte.
Der erste Tag des Jahres fühlt sich taub an. Wir, und damit meine ich uns, stehen mittags auf oder abends und finden uns vorm Fernseher wieder, schauen Tragikomödien und dann ist da noch Daniela Katzenberger. Disneyfilme kommen uns plötzlich so albern vor.
Wir kommen uns plötzlich so albern vor, so im alten Trott, und wünschen uns, dass das neue Jahr erst morgen beginnt. Am zweiten Januartag beginnt das neue Jahr und bis dahin kommen wir zurecht mit uns und dem Leben.
Als es dunkel wird, trauen wir uns dann doch noch hinaus in die Stadt, die groß ist. Wir waschen uns und ziehen uns etwas an und dann ist da die Stadt. Wir verwerfen alle Pläne, die irgendwas mit Enthaltsamkeit zu tun haben und berufen uns darauf, dass wir so jung nicht mehr zusammenkommen. Wir verwerfen uns und berufen uns auf etwas, dass uns gerade schlau vorkommt oder zumindest sinnvoll.
Wir reden und schreiben und dichten und schauen und saugen auf und teilen aus und ziehen an und drehen durch und weinen und schreien und lachen so schrill wir können, keiner gewinnt. Keiner verliert sich. Nicht ganz.
Keiner hat was zu sagen und damit meine ich mich, jetzt gerade in diesem Moment.
Da schaue ich wieder aus irgendeinem Fenster und denke irgendwas und das hier ist kein Zug, das ist Zeit und Raum und ich habe absolut nichts zu sagen. Ich bin jetzt ganz still und lasse die Gedanken rasen, oder ruhen, mir doch egal.
Das ist das neue Jahr, angeblich, es wird gut oder schlecht, mal sehen, es wird bestimmt ganz ganz toll schreit dir jemand ins Ohr und wir rasten alle komplett aus angesichts dieser Tollheit.
Wir rasten aus und ein und irgendwann wieder aus, uns wird ganz schwindelig davon und wir wollen uns festhalten an irgendwas.
Irgendwas festhalten. Mit dieser alten Kamera, sich etwas merken, etwas aufschreiben.
Eigentlich will man nur irgendwas festhalten oder irgendwen, und manchmal klappt es kurz und man bekommt eine Ahnung, was mit Glück gemeint ist.
ZWISCHEN DEN JAHREN IST SELBSTMORD #1
Eine Sonderausgabe der Kolumne SONNTAG IST SELBSTMORD.
Hier wo die Nacht nicht dunkel wird
Und der Tag nie wirklich hell
Kein Wind bewegt die Stille
Die Luft ist regungslos
Als wenn die Welt an diesem Ort
In ihrem Atmen innehält
Kante – Wenn Man Im Atmen Innehält
Man kann es nicht fassen, dass es hiernach normal weitergehen soll. So sehr hat man sich gewöhnt an geschlossene Läden, farblose Himmel, ausbleibende Anrufe, wobei, heute haben wir uns erwischt, uns kurz ausgetauscht über das Leben und am Ende hatte jeder wieder dies und das zu erledigen. Jetzt hat bald wieder jeder dies und das zu erledigen und verliert sich nicht mehr so schnell in Versuchen, ein Instrument zu lernen, Gitarre und schon der erste Griffwechsel will geduldig einstudiert werden. Jetzt ist es vorbei mit dem Auslesen vor Jahren begonnener Bücher. Vorbei mit den Gedichten, die einem auf der Zunge lagen, eben noch, man hätte sie fast aufgeschrieben – vorbei.
Die Supermärkte werden versuchen, uns Raketen anzudrehen, die wir in Lüfte schießen, Höhen, in die wir selbst nicht hinaufsteigen können ohne Flügel oder Fluggerät, wir bleiben unten. Wir bleiben bescheiden. Wir geben uns zufrieden. Wir sammeln uns noch mal, entscheiden uns für die ein oder andere Silvesterbeschäftigung, die gemütliche Runde oder der wilde Tanz, man kann und will sich nicht entscheiden und am Ende wird es zwölf Uhr schlagen. Am Anfang.
Am Anfang war der Vorsatz: Wie kann man zum Jahreswechsel mit dem Rauchen aufhören, wo nichts Sinn ergeben will außer Trinken und Rauchen, Sekt und Wein und Zigaretten, vielleicht könnte man sich was vornehmen für den inneren Schweinehund oder gegen ihn, wohin mit ihm, und welche Geräusche machen eigentlich Schweinehunde.
Man, und damit meine ich uns, ich spreche nämlich grundsätzlich für Alle und schreibe nur für mich selbst, könnte auch einen Plan schmieden, ein Verhaltensmuster fürs kommende Jahr: Ich treffe keine Entscheidungen mehr, eigenmächtig. Zum Beispiel. Ich kann mich nie entscheiden. Ab jetzt wird gelost – wir brauchen einen Entscheidungsmechanismus. Einen Automatismus. Damit wir hinterher nicht verantwortlich sind, für Begangenes und Verpasstes.
Ich setze meine Hoffnung in den Sekundenzeiger meiner digitalen Armbanduhr: Ist die letzte Ziffer ungerader Natur, heißt das Ja. Ist sie gerade, heißt das Nein. Fragt mich also demnächst ein Fremder auf der Straße, ob ich ihn eventuell heiraten würde, muss ich nur einen kurzen Blick auf mein linkes Handgelenk werfen, 18 Uhr 17 und 22 Sekunden – und muss verneinen. Auch wenn es dramaturgisch schöner gewesen wäre, einzuwilligen, aber ich lehne jegliche Verantwortlichkeit ab.
Es gibt zu viele Möglichkeiten – und auch zu wenige, klar. Gitarre oder Klavier. Instrument üben oder fernsehen. Pippi Langstrumpf oder Tier-Doku. Ausschalten oder weiterschauen. Ausschalten.
Ich gehe nicht raus, obwohl, jetzt ist es dunkel. Weihnachten ist vorbei und man hat es gut überstanden, man möchte gar nicht, dass es aufhört. Man könnte den Alltag ignorieren und weiterhin ausschlafen und einfach nicht in den Kalender schauen, würde das Datum nicht dicht über der Sekundenanzeige der Armbanduhr prangen. 26, bald steht da 1 und es ist ein neues Jahr.
Man könnte sich verstecken und die Zeit anhalten, zumindest leugnen, dass sie weiterläuft, man verbarrikadiert sich und lernt alle Instrumente, die hier so rumstehen, liest alle Bücher, die man immer lesen wollte.
Heute gehe ich raus, es ist auch schon dunkel. Heute werde ich sehen, ob ich das noch kann, mit anderen Leute sprechen außer Verwandten, ob ich noch gesellschaftstauglich bin, ich ziehe mir sogar etwas Frisches an, das karierte Hemd trug ich bereits über alle Feiertage.
Und dann geht es schon irgendwie weiter, es wird schon weitergehen, mit diesen Tagen und dieser Sonne und dem Mond, hell und dunkel, irgendwann wird man schon aufwachen irgendwo und sich einen Reim machen auf irgendwas.
Irgendwann wird man schon traurig sein, dass man nicht so weitergemacht hat, mit dem Gitarre-üben und Bücherlesen und alles seinen Gang gegangen ist, wie eben immer alles so seinen Gang ging und weiterhin seinen Gang gehen wird, und man selbst geht diesen Gang mit, ein langer Gang muss das sein, da kann man ja froh sein, wenn man nicht direkt irgendwo anstößt.
Die noch frische Hornhaut am Daumen schwillt wieder ab und dafür kommt etwas anderes, da läuft einem ein Hund über den Weg, der einem gefällt oder ein Mensch. Man vergisst die alte Spiegelreflexkamera, die man heute erst ausgeliehen bekam von seinem Vater, man sitzt in Bussen und hinter verregneten Scheiben verwischen Lichter zu etwas, das man nicht mehr erkennen kann. Man kann sich selbst kaum erkennen, in den Scheiben, man spiegelt sich gar nicht mehr, nein, man ist gar nicht mehr da, weil man auch gar nicht weiß, wo man ist und wer und wo man gerade hinwollte.
SONNTAG IST SELBSTMORD #69
Wir könnten die Gefühle konservieren
Wir könnten uns lieben und aus den Augen verlieren
Ja, wir könnten Vorurteile revidieren
Wir könnten Pole schmelzen und schnell evakuieren
Oh wir könnten, wir könnten
Hund am Strand – Jungen Mädchen
Aus den Augen, nicht aus dem Sinn. Man wird zwar abgelenkt, durch Neues, Wildes. Aber man vergisst doch nicht einfach mal kurz, wo man herkommt und wen man bis eben geliebt hat.
Herausforderungen, ebenfalls neu und wild. Zum Beispiel: Eine Jogginghose zu finden, für den Bewegungsunterricht. Das ist nicht ganz einfach, wenn es selbst in einer Kleinstadt zu viele Geschäfte gibt, die einem trotzdem keine große Auswahl an schönen und gleichzeitig preiswerten Modellen bieten. Der Bewegungsunterricht war im Vergleich zum Hosenkauf ein Klacks!
Man trinkt viel Bier und raucht Zigaretten, hier in der Kleinstadt. Da drüben in der Großstadt geht alles weiter und ihr macht jetzt irgendwie noch das gleiche wie früher, nur ohne mich. Und ich mache ganz neue Sachen, nur ohne euch. Selbst Rauchen und Trinken kommt mir ganz neu vor, vielleicht ist die Frequenz auch das neue daran, ich muss mal langsam machen, dachte ich mir, ich muss mal langsam machen und da war plötzlich Sonntag.
Sonntag ist in meinem neuen und wilden Leben (nicht!) der Tag, an dem ich zur Ruhe kommen werde. Ausschlafen, bis halb eins mindestens oder eben bis zu dem Moment, in dem der Schlaf unterbrochen wird von einem Anruf oder singenden Vögeln oder Mitbewohnern, oder man wacht mal vom eigenen Gesang auf, das soll vorkommen.
Dann kocht man Kaffee und macht, wozu man Lust hat. Durchsaugen und Kisten ausräumen, das stand heute auf meiner Zu-tun-Liste, Priorität: hoch.
Hier sieht es so aus, als würde ich schon wieder zusammenpacken, dabei bin ich doch eben erst hier angekommen. Ich muss da jetzt durch. Ich lass diesen Tatort sausen und den nächsten notfalls auch, wenn ich es nach zwei Wochen immer noch nicht geschafft haben sollte, mein Zimmer einzurichten.
Lampen wären was. Da würde man auch sehen, was man da ausräumt, aus den Kisten und wo man es einsortieren könnte. Die Stirnlampe kam auch noch nicht an, jedenfalls nicht hier, dabei steht mein Name seit gestern an der Klingel.
Vielleicht existiert diese Adresse gar nicht und ich hab mir alles nur eingebildet. Eigentlich, erklärte man mir gestern bei Bier und Zigarette, sitzt man gerade mit Zwangsjacke in der Gummizelle und das hier Alles – nun gut.
Ich habe ein Schloss besichtigt, ich habe mir Namen gemerkt, riesige Kürbisse treiben hier ihr Unwesen und ich fahre jeden Abend ohne Fahrradlicht an der Polizei vorbei. Ein großes schwedisches Möbelhaus hat mir gestern alle Nerven geraubt, später bewahrte ich ein Meerschwein davor, in einer Pfanne angebraten zu werden.
Viele zeigten mir hier schon ihr Gesicht und manche noch ein wenig mehr, manche haben mehrere Gesichter und ich weiß gar nicht, welches mir lieber ist. Vielleicht geht das jetzt alles etwas schnell, vorüber meine ich, die Zeit.
Vielleicht könnte ich mehr von diesen Sonntagen gebrauchen, mehr Sonntage für Alle und weniger Selbstmord.
Wir kennen uns überhaupt noch nicht, nur unsere Namen und Ungefähres, doch verbunden sind wir, zehn kleine Menschlein auf der Suche nach sich selbst oder dem Glück, in einen Topf geworfen, in ein Becken gespült und da paddeln wir nun und sind dankbar um jedes Bier, um jede Zigarette.
Ich brauche Sonntag, aber ich will auch wissen, wie es montags weitergeht.
Und ihr da weiter weg, ihr träumt gefälligst von mir, wenn wir schon nicht im gleichen Bett liegen.
SONNTAG IST SELBSTMORD #68
Ist das ein Leben oder ist das ein Exposé?
Und wenn alles bezahlt wird, tut’s dann weniger weh?
Und was soll das heißen, wenn jetzt einer sagt,
“24 Stunden sind kein Tag”?
Britta – 24 Stunden sind kein Tag
Tage und Nächte verschwimmen, die Einteilung in Stunden Minuten Sekunden scheint aufgehoben. Ich bin jetzt ganz wach, der Kater ist tot, endlich und ich komme wieder zum Durchatmen. Nur ein bisschen zwar, weil die Aufregung wächst, im Bauch, ein neuer Lebensabschnitt steht kurz bevor und zudem einer, den ich so sehr wollte.
Und ich bin froh, diesen Umweg gegangen zu sein. Vier Jahre München, fast, vier wunderschöne Jahre, eigentlich, hochgerechnet, und es hätte auch so weitergehen können. Ich hätte hier auch weitermachen können, weitere Umwege nehmen und aus eigener Kraft vorankommen, dahin kommen, wo man ungefähr hin will oder wollte – es war bereits alles in Frage gestellt, jetzt bin ich angekommen, doch noch, am Ziel, kurz bevor mir die Luft ausgegangen wäre, ein Ziel als Weg.
Der wird lang und bestimmt steinig, ich werde stolpern, doch hoffentlich nie abstürzen, ich bin ganz zuversichtlich.
In eine andere Stadt ziehen ist das eine. Seine Stadt verlassen das andere. Das ist auch mit Schmerz verbunden, mit Bauchschmerzen und Tränen, mit Wehmut, der mich immer begleiten wird, deutlich wird, wenn die Euphorie irgendwann absinkt.
Ich werde mich so was von in ein neues Leben stürzen, das doch immer auch das gleiche Leben bleibt. Man hat nur eins, ich drehe mich einfach mal um ein paar Grad, ich wechsle die Seite oder vielleicht auch nur den Ort und das, was man so macht, den Tag über.
Ich habe meinen Stundenplan studiert. Am liebsten wäre mir, es würde morgen schon losgehen, die Spannung zerfrisst mich. Am liebsten wäre es mir, ich müsste mich nie verabschieden, von den Straßen hier, den Menschen, die darin leben. Die mir zum Abschied Empire State of Mind singen und „New York“ durch „Ludwigsburg“ ersetzen.
Man darf schon auch traurig sein und gleichzeitig fröhlich und Kisten packen müssen, aber viel lieber an der Isar sitzen wollen mit euch, die ich so vermissen werde, auch, wenn ich anfänglich gar keine Zeit für Vermissen habe.
Das Gute ist: dass man sich immer wieder sieht. Dass jeder seinen Weg geht und sie sich trennen und wieder überschneiden und selbst wenn man sich mal ein paar Momente Monate Jahre nicht gesehen hat – wenn man sich dann über den Weg läuft, vielleicht sogar zufällig, und da ist was, das man teilt. Dann ist da doch was, dann ist das doch schön.
Bisher sind immer Alle weggegangen. Ich bin hier geblieben und hab euch vermisst. Ich vermisse euch immer noch, die Anzahl an zu vermissenden Menschen wächst. Manche sind schon tot, andere im Ausland oder zumindest in Berlin. Und von den Toten einmal abgesehen: sind wir Alle da. Füreinander auch, wenn es darauf ankommt oder fast.
Ich bin und bleibe da, solange ich kann, ich bin und bleibe Freund und erreichbar und ihr dürft gerne in meinem Bettchen schlafen, nicht Alle, jedoch die meisten und wir werden uns Geschichten erzählen, von Hunden und Momenten, von Lichtern und Gedanken, ich werde wieder träumen, wir hätten uns gestritten und mit getrockneten Tränen erwachen, wer weiß, vielleicht habe ich im Schlaf auch schrecklich gelacht, wir schlafen übereinandergestapelt, den Bauch voller Spaghetti und zum Nachtisch Quatsch mit Soße und dann habe ich doch wieder Alles nur geträumt und rufe dich an, und ja, tatsächlich, du lebst noch und ich auch, bis ans Ende aller Tage und ich weihe dich in Geheimnisse ein über den Baumengelzauberwaldjungen, der über den Ozean flog, weil er dich liebte.
Ich lache und weine und bin mit allem überfordert, innerlich, ich weiß, es wird gut und vielleicht sogar besser, was unmöglich ist, das kann gar nicht funktionieren, außer, ihr macht mit.
Auf Immerwiedersehen?
SONNTAG IST SELBSTMORD #67
Leave the whimpering dog in his cold kennel
Leave the dead starlet on her pedestal
Leave the acid kids in their green fishbowls today
Bright Eyes – I Must Belong Somewhere
Das Flugzeug ist nicht abgestürzt. Nicht auf dem Hin- und nicht auf dem Rückflug. Ich bin hier ein- und dort ausgestiegen. Man fuhr herum und setzte sich allerhand mehr oder weniger großen Gefahren und Mutproben aus. Man bestieg wiederum ein fliegendes Zeug und seilte sich 13 (!) Tage später dort ab, wo alles begann, zumindest die Reise.
Man hatte Erlebnisse dieser und jener Art, lernte dazu, wenn auch nicht zu viel oder zu aufwändig. Eher so nebenbei – was macht man, wenn das Fahrzeug nicht den Berg hochkommt? Was, wenn einem auf enger Fahrbahn ein weiteres fahrendes Zeug entgegenkommt? Was, wenn die Glut des Lagerfeuers nicht ausgehen will?
Entgegen aller Befürchtungen habe ich alles Mitgenommene ausgelesen, zwei Romane, die ich bereits vor gefühlter Ewigkeit an-, jedoch nicht auslas, am Ende blieb mir nur der Kaffeesatz und der war durchaus vorhanden, dank Instant.
Michel Houellebecq schreibt in einem der soeben gelesenen Romane etwas Richtiges, wenngleich er nicht ganz alleine auf die Idee kam: „Man erinnert sich an sein eigenes Leben, schreibt Schopenhauer irgendwo, kaum besser als an einen Roman, den man irgendwann gelesen hat. Ja, so ist das: kaum besser.“
Als ich gestern die Fotos anschaute, die den gesamten Urlaub von Davor bis Ende dokumentieren, erinnerte ich mich an einzelne Momente und spürte, wie schön es gewesen sein muss. Wir schnell die Zeit verflog und wie ungenau meine Bilder sind, als sei Alles nur ein Traum gewesen. Die Bilder, die mir spontan in den Kopf kommen, könnte ich genausogut geträumt haben. Oder in einem Buch gelesen. Ich glaube sogar, dass ich mich an Houellebecqs Roman, Plattform übrigens, stellenweise besser erinnere, als an Dinge, die ich selbst erlebt habe. Was nicht verwunderlich ist, denn was Houllebecq schreibt, musste ich beim Lesen eigenständig verbildlichen – und der Strand und die Liebsten um einen, die Wellen: waren einfach da.
Vielleicht wird die Zeit das Erlebte in verdauliche Portionen aufteilen oder sich Rosinen herauspicken, ein erstes Bild, vom Strand, von der Wasserschildkröte, das man erinnert und andere verblassen. Irgendwann wird man die besuchten Strände nicht mehr auseinanderhalten können, aber ein Gefühl damit verbinden, das man vielleicht hatte, als man sie zum ersten Mal sah oder betrat.
Man ist nicht abgestürzt. Man wollte auch nicht. Nicht so richtig. Alles verlief nach Plan. Man wurde älter. Man erlebte nun bereits ein Vierteljahrhundert. Nur erinnert man sich nicht ganz, nur schwach. Bilder wie Stichpunkte: Man schließt die Augen und geht die Jahre durch und überlegt, ob das nun die Bilder sind, die einem im Falle eines Absturzes vorm sogenannten inneren Auge vorbeigetanzt wären. Und dann fragt man sich, ob das die eigenen Bilder sind oder nur die aus einem Film, American Beauty und die Frau, wie sie lacht, sie ist gar nicht meine und ich bin gar nicht tot.
Zurück am Ort, wo ungefähr Alles anfing versuche ich einen Neustart. Nur: Wo fängt man da an. Was braucht es noch. Macht man was anders. Hat man was gelernt und was lernt man als nächstes.
Wenn die Glut nicht ausgehen will, erinnere ich mich ganz genau, dann muss man solange auf die Feuerstelle pinkeln, bis der letzte Funken erlischt.
SONNTAG IST SELBSTMORD #66
So verroht,
Und verrottet,
So verranzt
Und verspottet,
So verholzt
Und verbolzt
Und verbohrt.
Christiane Rösinger – Verloren
So geht das Leben dahin und plötzlich sitzt man in einem Flugzeug und betet und fleht, dass es nicht abstürzt, wobei es eigentlich abstürzen muss, so sehr, wie man es zuvor thematisiert hat. Das wäre ja auch ärgerlich, irgendwie: nicht recht gehabt zu haben.
Ist man dann tatsächlich angekommen, ist der Urlaub bereits wieder vorbei, ohne dass man es geschafft hätte, ein Buch zu lesen oder ein Herz zu erobern oder in irgendetwas besser zu werden als man es vorher war.
Gestern habe ich gelernt, wie man Luftballons aufpustet. Ich konnte das bislang noch weniger als die Uhr lesen oder sich anständig die Schuhe binden. Seit gestern kann ich es und das macht mir Mut: Was man noch Alles lernen kann, wenn man es sich nur in den Kopf setzt. Wenn man es versucht.
Vielleicht werde ich in vier Jahren (sofern man vorher nicht irgendwo abstürzt) tatsächlich etwas dazugelernt haben. Das wäre doch mal ein Ansatz – die Möglichkeit sehen und selbst die Voraussetzung hierfür schaffen.
Eine solche Einstellung will nicht ganz zum Sonntag passen. Vom Regen verschont lag etwas in der Luft, heute, als hätte der Himmel ein Geheimnis vor einem, als wüssten die Wolken längst Bescheid über – über Dies und Das und eigentlich will man es gar nicht so genau wissen.
Während man die regenfreien Stunden nutzt, um zur Eisdiele zu spazieren um dort zu merken, dass man kein Geld eingesteckt hat und das auch noch absichtlich, in der Angst, wieder all sein Geld auszugeben für Schnick oder Schnack, dabei haben sonntags doch eh die meisten Geschäfte geschlossen und so eine Kugel Eis – währenddessen jedenfalls könnte so viel passieren.
Ein Verrückter könnte umhergehen und um sich schießen, mehr oder weniger geliebte Popstars über den Jordan schippern. Irgendwas passiert immer und das meiste hinter meinem Rücken, denn mein Sichtfeld ist so verdammt eingeschränkt und dagegen gibt es nicht einmal was von Google. (Noch nicht.)
Alles erfährt man zeitversetzt, außer man ist unmittelbar dabei. Und selbst wenn man zwanghaft versucht, immer Alles mitzukriegen, verhindert man gleichzeitig selbst etwas zu erleben, also abseits des Mitkriegens.
Manchmal sehnt man sich nach ein bisschen Ruhe, nach einer Pause von dem Ganzen oder zumindest Halben, nach ein bisschen weniger Sichtfeld oder zumindest etwas mehr Meerblick.
Wenn man im Urlaub sein Handy ausschaltet oder ins Meer schleudert. Wenn man nicht ins Internetcafé rennt, um seine Mails zu checken. Gefahr läuft, scheinbar Wichtiges zu verpassen: Geburten, Todesfälle, Karrieresprünge. Anfragen von wichtigen Menschen. Wenn man einfach mal nicht erreichbar wäre.
Dann hat man es hoffentlich geschafft, in diesen Urlaub. Oder ist vorher abgestürzt.
Ich bin ganz optimistisch. Ich kann jetzt Luftballons aufpusten, gelernt innerhalb weniger Minuten. Zwischen Abschnallen und Aufknallen könnte ich intuitiv losflattern. Vielleicht braucht es ein bisschen Übung, möglich ist es bestimmt. Vermutlich hat sich das bislang nur keiner zugetraut: Fliegen.
SONNTAG IST SELBSTMORD #65
Protect me from what I want…
Protect me from what I want…
Protect me from what I want…
Protect me protect me
Placebo – Protect Me From What I Want
Über Sonntage schreiben hat in der Tat etwas Erschöpfendes. Beim 65. zu beschreibenden Sonntag kommt man nicht drumherum, sich zu wiederholen: Zum mittaglichen Erwachen schien die Sonne, fast so, als könnte es doch noch ein netter Tag werden mit Eis oder Bier an der Isar und man denkt sich: jetzt ist diese Woche vorüber, morgen beginnt eine neue und so ist das immer und irgendwann schläft man beim Tatort ein.
Nur kommt dann nicht mal Tatort, nicht mal Polizeiruf, nein, ein Finale wird ausgetragen, die Frauen welcher Nation sind am besten darin, ein rundes Leder in ein eckiges Tor zu befördern, man könnte fast meinen, das sei spannend.
Und somit ist doch jeder Sonntag ein bisschen anders, hält eine Überraschung bereit, Weltmeisterschaften werden sonntags ausgetragen, Telefone abgehört, Geburtstage gefeiert.
Stichwort ‘Geburtstage’: Können die mal aufhören? Beziehungsweise: Könnt ihr mal bitte Alle aufhören, ständig Geburtstag zu haben – geschweige denn zu feiern?
Wenn man bei Facebook so viele Freunde hat, dass jeden Tag mindestens zwei davon Geburtstag haben – was soll man da denn noch schreiben, außer: Alles Gute.
Alles Tolle. Wunderbare, was auch immer du dir wünschst. Mehr gibt es nicht zu sagen und das ist so ermüdend. Ich kann mich selbst nicht mehr hören. Ich gratuliere ab jetzt nicht mehr – tragt eure Geburtstage doch mit den Verwandten aus, ich bin raus.
An Geburtstagen sollte man auf Wiesen tollen und Purzelbäume schlagen. (Und nicht bei Facebook rumhängen.) In einem Wohnmobil durch Portugal fahren, mit den besten Freunden um einen herum. Nackt mit ihnen ins Meer springen und nie nie nie streiten wegen Kleinigkeiten – oder doch, wenn es nicht anders geht, weil man verrückt werden muss, mit vier anderen Gestalten in einem Wohnmobil über zwei Wochen, man sitzt sich quasi auf dem Schoß und obwohl man die ganze Zeit davonfährt, bleiben alle um einen herum da.
Es steht so viel bevor. Da würde es nun keinen Sinn machen, mit dem Flugzeug abzustürzen, nein, das schließe ich als Möglichkeit aus, und wenn, dann bitte auf dem Rückflug.
In Portugal scheint dann die Sonne, hier scheint sie nicht mehr, beim mittaglichen Erwachen vielleicht noch: hey, sagt die Sonne, heute ist Sonntag, heißt so wie ich, dieser Tag, kein Zufall, sag ich dir.
Und dann sagt sie noch: Verarscht. Und verschwindet hinter einer Wolke. Und jetzt ist der Himmel weiß, nicht mal grau, obwohl, doch, durch die seit Jahren nicht geputzten Fenster schon, aber in Wirklichkeit weiß, ganz weiß und man könnte sich darin verlieren, wäre einem irgendwie melancholisch zumute, aber nein, wir setzen das gleich um, in ein Gedicht oder eine Backform oder ein Gericht oder eine Kolumne.
Wir müssen sublimieren. Unsere Perversionen in Päckchen packen mit Schleife. Schau ja nicht dem Hund zu lange hinterher, Frauchen guckt schon so komisch. Aber wer kennt schon die eigenen Abgründe. Protect me from what I want.
Man müsste einfach mal machen, wonach einem der Sinn steht. Und dann findet man sich an der Spüle wieder, besteigt den Geschirrberg, dabei wollte man gerade noch vom Fensterbrett springen und nachschauen, ob man vielleicht doch fliegen kann. Ich glaube, diese Idee kam mir schon in der ersten Sonntagskolumne vor einiger Zeit. Alles wiederholt sich, in Variationen. Das ist das ganze Leben und wenn man Glück hat, geht es irgendwann vorbei. Irgendwann.
